Laudatio Dr. Sabine Haverkamp
Ausstellung in Bremen vom 13.10. bis 15.11.2009
Begegnungen in Freiheit
Ich bin
mit Ulrike seit mehr als 10 Jahren befreundet und habe die
Entwicklung ihrer Kunst intensiv miterlebt.
Um Ihnen die Bilder und Ulrikes Kunstverständnis näher zu
bringen, möchte ich mit zwei für mich markanten Zitaten von
ihr beginnen.
„Ich
wünsche mir eine Welt, in der Menschen so frei wie möglich
sind. Dazu möchte ich mit meinen Bilder beitragen.“
„Ich möchte mit meinen Bildern niemanden zwingen, die Welt
so zu sehen wie ich sie sehe. Ich möchte ein Angebot
machen, welches Raum für das Erleben von etwas Fremdem und
gleichzeitig von sich selber
schafft.“
Wie geht das, mit Bildern zu Freiheit beitragen?
Ulrikes Thema ist die Farbe. Die Farbe soll zum Ausdruck
kommen und wirken, allein oder in Bezug zu anderen Farben.
In diesem Ausdruck ist ‚alles ganz offensichtlich’. Es ist
deutlich zu sehen was ist – nicht mehr und nicht weniger.
BetrachterInnen können sich auf die Wirkung der Bilder
einlassen – sie gefühlsmäßig erfassen, zu verstehen gibt es
im intellektuellen Sinne nichts. Es ist nichts
„Verstecktes“ zu finden, kein Geheimnis zu entschlüsseln,
außer dem, was jede und jeder in sich selbst entdeckt.
Insofern ist es einfach Ulrikes Bilder zu betrachten. Und
gleichzeitig ist es schwer, weil sie keine offensichtliche
Interpretation anbieten. Ulrikes Bilder durch Denken zu
erfassen ist schwer.
„Ich glaube, dass Wahrnehmung dort aufhört, wo
inhaltliches/begriffliches Denken anfängt.“
Über
diesen Satz - über Wahrnehmung, was das ist und wo sie
beginnt oder aufhört, haben wir oft diskutiert - eine
Künstlerin und eine Wissenschaftlerin. Ich glaube, wir sind
immer noch unterschiedlicher Meinung und sprechen sehr
verschiedene Sprachen in diesem Punkt.Dennoch
habe ich bemerkt, dass ich bei der Betrachtung von Ulrikes
Bildern aufhöre zu denken.
Wir Hinsehenden begegnen uns bei der Betrachtung der Bilder
selber. Keine „vorgegebene“ Interpretation ist möglich. Was
wir sehen ist fremd. Wir stoßen in der Betrachtung auf
unsere eigene Fähigkeit, „Fremden“ zu begegnen. Eine
einfache Bewertung (außer vielleicht „aha, ein rotes Bild“)
ist nicht möglich. Wir müssen genau hinschauen, wirken
lassen - wahrnehmen. Das Bild kann uns gefallen oder auch
nicht, aber das ‚Öffnen einer einfachen Schulblade der
Interpretation’ ist verwehrt.
So ging es mir auch, als ich Ulrikes Bilder zum ersten Mal
sah. Ich schaute die Bilder an und suchte nach etwas, was
mir bekannt war. Ich fand nichts. Als
Freundin hatte ich die günstige Gelegenheit direkt zu
fragen „Was ist zu sehen? Was soll mir das Bild zeigen? Was
willst Du ausdrücken?“Farbe
- der Ausdruck der Farben - die Lösung eines visuellen
Problems“, war eine
ihrer Antworten. Ich fühlte mich auf mich zurückgeworfen
und allein. Ich konnte nichts anderes tun, als die Bilder
auf mich wirken zu lassen.
Wirken lassen können! Das ist eng verknüpft mit Freiheit.
Der persönlichen Freiheit etwas wahrzunehmen ohne es sofort
zu beurteilen. Der Freiheit genau hinzusehen.
Wirken lassen können! Ein offener Blick, belässt auch einem
Gegenüber, das wir ansehen, die Freiheit, zu sein. Denn
offene, neugierige Wahrnehmung, ohne die schnelle
Einordnung in vorgeformte Kategorien, erhält auch die
Freiheit dessen, was wir sehen. Eine Auseinandersetzung
beginnt.
Wir können hinsehen, können uns mit den Bildern von Ulrike
auseinandersetzen. Mit den Bildern und damit, wie wir sie
betrachten – unseren Sehgewohnheiten.
Auseinandersetzung ist auch der Entstehungsweg jedes
einzelnen Bildes. Auslöser
findet Ulrike im
Alltag. Zum Beispiel ein grünes Auto vor einer lila
Hauswand. Der
Ausdruck und das Zusammenwirken dieser Farben bewegen Sie
und arbeiten in ihr. Sie beginnt ein Bild und begibt sich
damit auf die Suche nach einer ‚Lösung für ein visuelles
Problem’. Schicht
um Schicht Farbe trägt sie auf die Leimwand auf, bis ‚es’
für sie richtig ist. Richtig ist dabei ein Gefühl, ein
intuitives Wissen, das auf Wahrnehmung beruht.
„Ich
lasse etwas wirken und es wirkt in mir – das führt mich zu
der Lösung,“
beschreibt sie diesen Prozess.
Dabei hat sie sich dem Thema Farbe nur langsam genähert.
Lange Zeit arbeitete sie grafisch, reduziert auf Schwarz
und Weiß.
„Farbe
war mir zu emotional, zu bunt - Schwarz-Weiß-Zeichungen
sind klar und unbestechlich“,
erklärte sie mir.
Auch
hier war schon Ulrikes Wunsch ausgeprägt, das zu zeigen,
was wirklich ist, keine Illusionen zu erzeugen. So hat
Ulrike zum Beispiel während Zug- oder Autofahrten mit dem
Bleistift, auf vielen Blättern hintereinander gezeichnet,
was sie gesehen hat.
Sie erläuterte dazu, sie „untersuche
die Reduzierung visueller Eindrücke in
Bewegung.“
Ich sehe auf diesen Blättern nur Striche - da hört meine
Fähigkeit ihr zu folgen auf.
Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich jetzt mit dem
Ausdruck von Farbe. Ich freue mich Ulrike darin begleiten
zu dürfen, voller Neugierde und in stetiger
Auseinandersetzung.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude bei der
Ausstellung.
Laudatio Dr. Friederike Brammer, Galerie Kontur, Eckernförde, 2008
Farbe sehen – Malerei von Ulrike Brockmann
Die
Beschäftigung mit dem Eigenleben der Farbe ist für Ulrike
Brockmann ein zentrales Thema. In ihrer Malerei erscheint
den Betrachtenden die Farbe befreit von ihrer herkömmlichen
Aufgabe: Der Bezeichnung der gegenständlichen Welt. Die
Farbe wird selbst zum Inhalt. Zu sehen sind „tatsächliche“
Bilder mit einer konkreten, unmittelbar sichtbaren Aussage
zum Eigenleben der Farbe in ihrer Organisation der Fläche.
Da beim Betrachten ihrer Arbeiten keine Abbildung der
äußeren oder phantasierten Welt wieder erkennbar ist, sind
ihre Kompositionen nicht sprachlich erfassbar. Die Aussage
ihrer Bilder liegt ausschließlich im visuellen Bereich und
ist nur durch „sehen“ erfahrbar.
In ihrem malerischen Werk lotet Ulrike Brockmann
unterschiedliche Möglichkeiten der Farbe aus: als Fläche,
als Raum, als Licht und als Bewegung. Die Arbeiten strahlen
Konzentration und Ruhe aus. Nie wird Farbe auf eine
symbolische Bedeutung reduziert, noch lassen sich
dramatische Gesten oder andere Zeichen individueller
Befindlichkeit erkennen.
Immer ist die Farbe für Ulrike Brockmann primäres Medium
und Ausgang ihrer Malerei. Ihre Konzentration auf die
ureigenste Qualität der Farbe, das Material der Malerei
macht diese konsequent zum durchgängigen Thema.
Ulrike Brockmann fügt Farben zusammen und fügt sich
gleichzeitig der Farbe. Dabei folgt sie einer inneren
Notwendigkeit der rational nicht zugänglichen Intuition.